News
Grenzen spielen keine Rolle - Unterwegs im Dreiländereck am Bodensee Von Andreas Heimann, dpa
dpa, 16.04.2013
Der Bodensee hat touristisch einiges zu bieten: Die Festspiele im österreichischen Bregenz, Weltkulturerbe im Schweizer St. Gallen, Luftfahrtgeschichte in Friedrichshafen auf der deutschen Seite. Auch wer mehrfach hin- und herfährt, muss Passkontrollen kaum befürchten.
Bregenz (dpa/tmn) - Am Bodensee spielen Grenzen für Touristen keine große Rolle mehr. Wer von Lindau nach Lochau fährt, bemerkt kaum, dass er Deutschland gerade verlassen hat und schon in Österreich ist. Und die Wege sind kurz. Man könnte vormittags das Zeppelinmuseum in Friedrichshafen anschauen, nachmittags die Stiftsbibliothek in Sankt Gallen und am Abend bei den Festspielen auf der Seebühne in Bregenz sein. Aber das Dreiländereck am Bodensee hat genug für ein Programm zu bieten, das ruhig ein paar Tage länger dauern darf. Und wer noch ein viertes Land sehen möchte: Liechtenstein mit seiner Hauptstadt Vaduz ist gleich um die Ecke.
Mitten auf dem See sind drei Segelboote zu erkennen. Am gegenüberliegenden Ufer blinkt die Spitze eines Kirchturms in der Nachmittagssonne. Noch ein Stück weiter hinten sind die ersten Berge der Alpen zu erkennen. Am Uferweg von Lochau in Vorarlberg drehen Jogger ihre Runden und flitzen Radfahrer entlang. Das leise Surren der Reifen auf dem Asphalt nimmt das grauhaarige Hippie-Pärchen gar nicht wahr, das schon ziemlich lange tiefenentspannt auf der Bank mit Blick auf das Badehaus des «Seehotels» sitzt. Die Wellen plätschern leise an den Strand, und wo die Sonne aufs Wasser fällt, glitzert es silbrig. Wegen der relaxten Stimmung wie hier in Lochau kommen Touristen seit Jahrzehnten an den Bodensee.
Und weil es entlang des Ufers so viel zu entdecken gibt. Bregenz, Vorarlbergs Landeshauptstadt, ist von Lochau aus zu Fuß zu erreichen. Dort hat das von Peter Zumthor entworfene und 1987 gebaute Kunstmuseum längst einen Namen weit über die Region hinaus. Viele Besucher kommen schon wegen der ungewöhnlichen Architektur des Hauses, das innen glatte Betonwände hat und von außen verglast ist. Regelmäßige Wechselausstellungen zeigen vor allem zeitgenössische Kunst.
Die begegnet Besuchern auch an anderer Stelle: Gottfried Bechthold zum Beispiel hat sein Atelier in der Eichholz-Straße. Eines seiner Werke ist der «Crash-Porsche», der so teuer gewesen sein soll wie ein echter. Er steht in der Bregenzer Innenstadt. Fahren kann man ihn nicht - er ist komplett aus Beton.
Im Sommer sind die Bregenzer Festspiele ein Publikumsmagnet, für Touristen genau wie für Einheimische: Jeder vierte Bregenzer guckt sich die Inszenierung an. In diesem Jahr steht vom 17. Juli bis 18. August Mozarts «Zauberflöte» auf dem Programm. Und wer dann nach viel Kultur etwas Abstand von all dem braucht, fährt mit der Seilbahn hoch auf den Pfänder, den Hausberg der Stadt.
Ungewöhnliche Museen gibt es auch in Friedrichshafen, einst ein Fischerdorf, später die Industriestadt am Bodensee schlechthin. Das hat vor allem mit einigen Unternehmen aus der Luftfahrtbranche zu tun. Der Zeppelin zum Beispiel kommt von hier. Der Geschichte der Luftschiffe widmet sich in der Seestraße ein eigenes Museum. Es ist seit 1996 in einem früheren Bahnhof untergebracht und zählt gut 270 000 Besucher - immerhin fast fünfmal so viele wie die Stadt Einwohner hat.
«Wenn man hier wohnt, gehört es einfach dazu, sich mit der Geschichte der Zeppeline zu beschäftigen, sagt Ingrid Kunze, die als Führerin im Museum arbeitet und für die das mehr als ein Kapitel aus der Vergangenheit ist: «Mein Schwiegervater war Maschinist auf dem "LZ 127".» Mit der Sammlung des Museums ist sie längst so vertraut wie mit ihrem Wohnzimmer. Das vorletzte war die «Hindenburg», die «LZ 129», die 1937 in Lakehurst südwestlich von New York verbrannte.
Reisen mit dem Luftschiff über den Atlantik waren eine ziemlich exklusive Angelegenheit: «Die Fahrt kostete in heutiger Währung 9000 Euro», erzählt Ingrid Kunze. «Dafür gab es ein wohliges Dahinschweben in 400 bis 600 Metern Höhe bei einem Tempo von gut 100 Stundenkilometern.» Wie es in den Passagierräumen eines Zeppelins aussah, wenn er mit bis zu 50 Passagieren und noch einmal ungefähr so viel Personal durch die Luft schwebte, lässt sich in Friedrichshafen gut nachempfinden: «Herzlich willkommen an Bord!», begrüßt Ingrid Kunze die Passagiere in der Kabine des «LZ 129». «Wir freuen uns sehr, dass Sie sich für unsere Nordamerikafahrt entschieden haben.»
Gut zwei Tage brauchte ein Zeppelin für die Strecke - ein Schiff fünfmal so lange. An Bord galt Rauchverbot, auch im Speisesaal, wo die Vier-Gänge-Menüs serviert wurden. Nur im Rauchsalon war Paffen erlaubt. «Ein Steward passte auf, dass niemand eine brennende Zigarette mit rausnahm.» Schließlich schwebte das Luftschiff, weil es von Wasserstoff getragen wurde - bei der «Hindenburg» waren es 200 000 Kubikmeter. Als sie bei der Landung in Flammen aufging, verbrannte das Schiff in kürzester Zeit, 36 Menschen starben. Für die Epoche der Zeppeline war das der Anfang vom Ende.
Ebenfalls mit der Luftfahrt beschäftigt sich das 2009 eröffnete Dornier Museum. Es erzählt die Geschichte des Flugzeugbaus unter dem Dach des Unternehmens. Abends erstrahlt das Museumsgebäude in bunten Farben - ein Werk des Lichtkünstlers James Turrell, selbst ein Luftfahrtenthusiast. Er wollte unbedingt eine Do 27 kaufen und brauchte Hilfe bei der Suche. Und als die erfolgreich war, war er so glücklich, dass er dem Museum als Dankeschön eine eigens dafür entwickelte Lichtinstallation schenkte.
Das private Museum zeigt nicht nur Modelle, sondern auch mehr als ein Dutzend Flugzeuge im Original. Schon vor dem Eingang ist das erste Ausstellungsstück zu sehen: der in den 60er Jahren entwickelte Prototyp einer Maschine mit acht je 4000 PS starken Hubtriebwerken, die senkrecht starten konnte und deshalb keine Startbahn brauchte.
Ungewöhnliche Konstruktionsideen waren ein Markenzeichen Dorniers. Said Bellout, gebürtiger Franzose, der 1975 als Soldat nach Deutschland kam und heute durch das Dornier Museum führt, kennt sie alle: Das «Dornier Wal» genannte Flugboot etwa oder das Verkehrsflugschiff DO X, mit Bar und Rauchsalon samt bequemen Sesseln. Es hatte zwölf Triebwerke und flog bereits 1929 mit 169 Passagieren damals kaum vorstellbare 210 Stundenkilometer schnell - ein für 20 Jahre unerreichter Rekord.
Dornier hatte viele Erfolge - aber auch einige Rückschläge. «Aus dem Prototypen, der vor dem Museum steht, wurde dann doch nicht mehr», erzählt Bellout. Manche andere Idee blieb ebenfalls eine, auch das wird im Museum nicht verschwiegen. «Und seit 2001 gibt es hier gar keinen Flugzeugbau mehr.»
Von Friedrichshafen aus ist der Weg in die Schweiz nur kurz, fliegen würde sich gar nicht lohnen: Einmal quer über den See mit der Fähre bis Romanshorn auf der gegenüberliegenden Seite, und schon ist man im Kanton Sankt Gallen. Die gleichnamige Stadt ist mit rund 70 000 Einwohnern - nach Konstanz - die zweitgrößte am Bodensee und vielleicht die schönste. Ihre Bilderbuch-Innenstadt gehört zum Weltkulturerbe, ihre Universität hat weltweit einen Ruf, und die berühmte Stiftsbibliothek lässt bibliophilen Besuchern die Augen leuchten und die anderen zumindest staunen.
Sie ist in einem Barocksaal voller Deckengemälde untergebracht, in dem übermannshohe Regalschränke stehen, einst aus Nussbaumholz in der klostereigenen Schreinerei gefertigt. Das Kloster, dessen Wurzeln ins frühe Mittelalter, die Zeit des heiligen Gallus, zurückreichen, wurde 1805 geschlossen. «Heute sind wir sowohl Ausstellungsort als auch öffentliche Leihbibliothek», erzählt Christine Genova. «Die bis zu 100 Jahre alten Bücher darf jeder ausleihen», erklärt die Bibliotheksführerin - 100 Jahre ist in Sankt Gallen allerdings fast noch druckfrisch.
Was die Bibliothek so faszinierend macht, sind die wirklich alten Stücke: 180 000 Werke beherbergt sie, nur ein Sechstel davon steht im Barocksaal den Regalen, ein guter Teil wird im Magazin verwahrt. Sie reihen sich dort dicht an dicht, oft so groß wie Atlanten, dick wie ein Telefonbuch, in Leder gebunden. Sie versammelten das Wissen ihrer Zeit zu ganz verschiedenen Bereichen von Jura bis Theologie. «Die Stiftsbibliothek war das Harvard des Mittelalters», sagt Christine Genova. Zur Sammlung gehören Werke, die über 1100 Jahre alt sind - und unendlich wertvoll.
Die gut 120 000 Besucher pro Jahr, die mit Filzschuhen über den Boden schlurfen und sich meist nur in gedämpftem Tonfall zu unterhalten trauen, bekommen nur einen Teil davon zu sehen. Lesen lassen sie sich meist nur mit soliden Lateinkenntnissen. In einer Vitrine beispielsweise ist eine Handschrift zum Leben des heiligen Gallus ausgestellt, der aus einer irischen Familie stammte und der Überlieferung nach 612 als Missionar an den Bodensee kam. Für das Pergament aus Rinderhaut mussten 34 Kälber ihr Leben lassen, haben Historiker herausgefunden.
Die Stiftsbibliothek besitzt die größte Sammlung irischer frühmittelalterlicher Handschriften außerhalb Irlands. Einige Handschriften aus dem 11. Jahrhundert zeigen frühe Noten. «Musik war im Kloster sehr wichtig», sagt Genova. «Manche Mönche komponierten auch - Gregorianik.» Und wer doch lieber Mozart hört, hat es nicht weit: Von Sankt Gallen aus ist es auch entlang des südlichen Bodenseeufers nur ein Stück bis zur Seebühne in Bregenz.
Info-Kasten: Bodenseeregion
Anreise und Formalitäten: Grenzkontrollen zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz sind die Ausnahme, ein gültiger Personalausweis oder Reisepass gehört aber ins Gepäck. Die Anreise ist per Bahn problemlos möglich; der EC braucht von München bis Bregenz drei Stunden. Mehrere Airlines wie Lufthansa und Intersky fliegen Friedrichshafen an.
Reisezeit: Baden ist im Bodensee erst ab dem Frühsommer möglich. Wandern und Radfahren geht schon im Frühling, die Museen sind das ganze Jahr über interessant.
Geld: In Österreich bezahlt man mit dem Euro. Ein Schweizer Franken entspricht 0,82 Euro (Stand: April 2013).
Informationen: Internationale Bodensee Tourismus GmbH, Hafenstraße 6, 78462 Konstanz (Tel.: 07531/90 94 90, E-Mail: info@bodensee.eu).
* * * * Die folgenden Informationen sind nicht zur Veröffentlichung bestimmt
dpa/tmn ah zeh sir


